Es ist 2018

Worum es im Folgenden geht:

„Because it’s 2015!“ antwortete Justin Trudeau vor etwas mehr als zwei Jahren auf die Frage, warum es ihm so wichtig war, die Hälfte seines Kabinetts mit Frauen zu besetzen.

Es ist 2018 und immer noch wird darüber diskutiert, ob dies in Deutschland auch passieren würde. Angela Merkel hat gesagt, dass die CDU dies machen würde. Bei den Grünen ist es Programm. Die SPD hat ihre Posten im aktuellen Kabinett bereits 2013 paritätisch besetzt. Die CSU stellt nur männliche Minister. Wen die FDP in ein Kabinett senden würde, weiß man nicht. Zumindest sind hier die Frauen in der Fraktion, wie auch bei der CSU, eindeutig in der Minderheit.

Soviel zu den Zahlen. Nun zu den Argumenten. Wie so oft, wird zunächst mal auf die Männer geschaut: Was passiert mit de Maiziere? Bekommt Altmaier sein eigenes Ministerium? Schafft Jens Spahn den Sprung ins Kabinett? Bleiben dann für die Frauen überhaupt noch genügend Ministerposten, um Merkels gewünschte Parität zu erreichen? Solche Gedankengänge sollten überholt sein, finden aber immer noch statt. In fast allen Parteien. Gern geäußert wird in diesem Zusammenhang dann auch häufig: es sollte doch die beste Person das Amt bekommen. Gemeint ist hier meist ein Mann. Denn impliziert wird, dass eine „Quotenfrau“ kaum „die beste Person“ sein könne.

Der Gedanke hinter diesem Post ist also, aufzuzeigen, dass diese antiquierten Argumente größtenteils an den Haaren herbeigezogen sind. Kandidatinnen gibt es für alle Posten im Kabinett. In drei verschiedenen Konstellationen (Vergangenheit, Gegenwart und vielleicht Zukunft) soll exemplarisch dargestellt werden, dass es durchaus genügend hoch qualifizierte Frauen gibt, um das Kabinett in allen Parteien paritätisch zu besetzen. Ja, man könnte sogar in einer Umkehrung der Verhältnisse der Adenauer-Jahre auf Männer im Kabinett komplett verzichten.

Nun mag die eine oder andere Kandidatin aus der zweiten Reihe, unbekannt, vielleicht auch mittelmäßig sein. Aber es geht ja hier nicht um ein Superheldinnen-Kabinett. Jedes bisherige Kabinett der Bundesrepublik Deutschland hatte seinen Anteil an unbekannten, mittelmäßigen männlichen Ministern aus der zweiten Reihe. Das aktuelle übrigens auch. Zu einem Argument gegen Männer im Kabinett hat dies bisher jedoch noch niemand gemacht.

Noch ein paar wichtige Anmerkungen:

Es wurde versucht, halbwegs realistische Optionen zu finden. Dies gilt sowohl für die genannten Politikerinnen, als auch für die Verteilung der Ministerien. So wurde versucht zu antizipieren, welche Ministerien und Zuschnitte die einzelnen Parteien fordern würden, könnten, vielleicht sogar sollten. Es ist also durchaus beabsichtigt, aufzuzeigen, was die jeweiligen Parteien in den jeweiligen Koalitionsmodellen erreichen und umsetzen könnten. Und ja: dies ist von Bedeutung. Es seien hier nur zwei Beispiele genannt. Es war 2013 für die SPD wichtig, das Arbeitsministerium zu besetzen, um anschließend ihre Vorhaben aus dem Koalitionsvertrag, wie z.B. den Mindestlohn, auch umsetzen zu können. Genauso wichtig und richtig war es aus Sicht der Grünen, 2001 das Gesundheits- gegen das Agrarministerium zu tauschen, um die Ökologisierung der Landwirtschaft, die sogenannte Agrarwende voranzubringen.

Und ein Letztes: nein, nicht jeder Posten muss mit einer Fachpolitikerin besetzt werden. In manchen Ministerien ist dies durchaus sinnvoll. Manchmal genügt jedoch reine Erfahrung in der Führung eines Ministeriums. Manchmal kommt es drauf an, dass eine Ministerin in ihrer Partei auch was zu sagen und somit Gewicht hat.

 

Was hätte sein können: Jamaika

Union, FDP und Grüne hätten aus Jamaika tatsächlich ein Zukunftsprojekt, einen Aufbruch machen können. Eine fundamentale Veränderung der Zuschnitte sowie eine Reduzierung der Ministerien hätten hierfür ein wichtiges Zeichen sein können. Zudem hätten sich gerade die kleinen Koalitionspartner hierdurch auch profilieren können.

Die FDP hätte sich auf ihre Kernpunkte Wirtschaft und Bildung konzentrieren können und zudem die Digitalisierung ins Bildungsministerium eingliedern können. Mit einem neugeschaffenen Einwanderungs- und Integrationsministerium hätten sie zudem federführend ihre Forderung nach einem Einwanderungsgesetz umsetzen können, auch in Zusammenarbeit mit einem von ihr geführten Wirtschafts- und Arbeitsministerium. Durch die Besetzung dieser drei Ministerien hätte man sich zudem als Wirtschafts- und Zukunftspartei ideal vermarkten können.

Die Grünen hätten sich auf zwei Bereiche konzentrieren können: eine humane Außenpolitik, betont durch die Eingliederung des Entwicklungshilfeministeriums ins Auswärtige Amt, sowie ihr Kernthema, die Umweltpolitik. In einem Superministerium für Umwelt, Energie und Landwirtschaft hätte man ausreichend Gestaltungsspielraum gehabt. Statt eines dritten Ministeriums hätte man beispielsweise noch zusätzlich das Amt der Kulturstaatsministerin im Kanzleramt für sich verlangen können.

Die CSU hätte aufgrund ihres Wahlergebnisses nur zwei Ministerien bekommen, hierunter jedoch ein aus Verkehr und Bau zusammengesetztes finanzstarkes Infrastrukturministerium.

Für die CDU bietet das kommende Kabinett, egal in welcher Zusammensetzung, die Chance, potenziellen Merkel-Nachfolgerinnen die Möglichkeit zu bieten, ihr Können unter Beweis zu stellen, hier beispielsweise im Innen-, Finanz-, und Verteidigungsressort.

Bundeskanzlerin: Angela Merkel (CDU)

Auswärtiges Amt & Wirtschaftliche Zusammenarbeit: Barbara Lochbihler (Grüne)

  • Mitglied des Europäischen Parlaments
  • ehemalige Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses
  • ehemalige Generalsekretärin der deutschen Sektion von Amnesty International

Bildung, Forschung & Digitalisierung: Nicola Beer (FDP)

  • ehemalige hessische Kultusministerin

Einwanderung & Integration: Katja Suding (FDP)

  • stellvertretende Fraktionsvorsitzende im Bundestag
  • ehemaliges Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft
  • Landesvorsitzende FDP Hamburg

Inneres: Julia Klöckner (CDU)

  • stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende
  • Oppositionsführerin in Rheinland-Pfalz
  • ehemalige parlamentarische Staatssekretärin im Landwirtschaftsministerium

Justiz & Verbraucherschutz: Angelika Niebler (CSU)

  • stellvertretende CSU-Vorsitzende
  • Mitglied des Europäischen Parlaments
  • promovierte Juristin

Infrastruktur (Verkehr & Bau): Dorothee Bär (CSU)

  • parlamentarische Staatssekretärin im Verkehrsministerium

Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Ingrid Fischbach (CDU)

  • parlamentarische Staatssekretärin im Gesundheitsministerium
  • ehemalige stellvertretende CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende für den Bereich Familie

Umwelt, Energie & Landwirtschaft: Katrin-Göring Eckardt (Grüne)

  • Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen
  • Spitzenkandidatin bei der Bundestagswahl 2013 und 2017
  • ehemalige Vizepräsidentin des Bundestages

Verteidigung: Ursula von der Leyen (CDU)

  • amtierende Verteidigungsministerin

Wirtschaft & Arbeit: Helga Rübsamen-Schaeff (FDP)

  • Mitgründerin, Vorsitzende des Beirates und ehemalige Geschäftsführerin der Biotech-Firma AiCuris
  • Mitglied im Gesellschafterrat der Merck KGaA
  • Mitglied im FDP-Wirtschaftsforum

Finanzen: Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU)

  • Ministerpräsidentin des Saarlands
  • Stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende

Gesundheit & Soziales: Annette Widmann-Mauz (CDU)

  • parlamentarische Staatssekretärin im Gesundheitsministerium

Staatsministerin Kultur und Medien: Ulle Schauws (Grüne)

  • kulturpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion
  • Obfrau im Bundestagsausschuss für Kultur und Medien

Bundeskanzleramt: Nadine Schön (CDU)

  • stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion

 

Vielleicht, vielleicht auch nicht: Große Koalition

Es wird sich in den kommenden Tagen, respektive Wochen, zeigen, ob die SPD Delegierten oder Mitglieder gewillt sind, erneut in eine Große Koalition einzutreten. Wie in der letzten Großen Koalition auch, könnte sie durch die richtige Besetzung der Ministerien einiges umsetzen (siehe Arbeitsministerium und Mindestlohn). Im hier dargelegten Szenario würde die SPD auf außenpolitische Posten verzichten. Ja, man kann als Außenminister wunderbare Popularitätswerte erzählen. Für bessere Wahlergebnisse sorgen Außen- oder Verteidigungsministerium hingegen nicht. So würde die SPD hier vor allem auf innenpolitisch relevante Ministerien bestehen und könnte durch die Besetzung von Bildung, Forschung und Digitalisierung, von Einwanderung und Integration, von Umwelt und Energie, von Arbeit und Soziales unterstützt durch das Finanzministerium aktiv die in einem Koalitionsvertrag erreichten Ergebnisse aktiv verwirklichen.

Die CDU wäre in diesem Fall die staatstragende Partei, zuständig für Außen- und Sicherheitspolitik, die CSU könnte sich insbesondere auf Infrastruktur und Familienpolitik konzentrieren.

Bundeskanzlerin: Angela Merkel (CDU)

Außen & Wirtschaftliche Zusammenarbeit: Ursula von der Leyen (CDU)

  • Verteidigungsministerin
  • stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende

Bildung, Forschung & Digitalisierung: Katarina Barley (SPD)

  • Familienministerin
  • kommissarische Arbeitsministerin
  • ehemalige Generalsekretärin der SPD

Einwanderung & Integration: Aydan Özuguz (SPD)

  • Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration

Inneres: Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU)

  • Ministerpräsidentin des Saarlands
  • ehemalige Landesinnenministerin
  • Stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende

Justiz & Verbraucherschutz: Angelika Niebler (CSU)

  • stellvertretende CSU-Vorsitzende
  • Mitglied des Europäischen Parlaments
  • promovierte Juristin

Infrastruktur (Verkehr & Bau): Ilse Aigner (CSU)

  • Wirtschaftsministerin in Bayern
  • ehemalige Bundesministerin für Landwirtschaft

Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Dorothee Bär (CSU)

  • parlamentarische Staatssekretärin im Verkehrsministerium
  • ehemalige Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Umwelt & Energie: Rita Schwarzelühr-Sutter (SPD)

  • parlamentarische Staatssekretärin im Umweltministerium

Verteidigung: Michaela Noll (CDU)

  • ehemaliges Mitglied des Verteidigungsausschusses
  • ehemalige Vizepräsidentin des Bundestags

Arbeit & Soziales: Yasmin Fahimi (SPD)

  • parlamentarische Staatssekretärin im Arbeitsministerium
  • ehemalige Generalsekretärin der SPD

Finanzen: Barbara Hendricks (SPD)

  • Bundesumweltministerin
  • ehemalige parlamentarische Staatssekretärin im Finanzministerium
  • ehemalige Bundesschatzmeisterin der SPD

Gesundheit & Soziales: Annette Widmann-Mauz (CDU)

  • parlamentarische Staatssekretärin im Gesundheitsministerium

Wirtschaft & Landwirtschaft: Julia Klöckner (CDU)

  • stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende
  • Oppositionsführerin in Rheinland-Pfalz
  • ehemalige parlamentarische Staatssekretärin im Landwirtschaftsministerium

Staatsministerin Kultur und Medien: Monika Grütters (CDU)

  • amtierende Bundesbeauftragte Kultur und Medien

Bundeskanzleramt: Nadine Schön (CDU)

  • stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion

 

Die letzte Alternative: Minderheitsregierung

Falls alle Stricke reißen und eine Neuwahl nicht gewollt ist, bleibt nur eine Minderheitsregierung. Dargestellt ist hier die Variante einer reinen Unionsregierung, ohne FDP oder Grüne als potenziellem Koalitionspartner einer Minderheitsregierung. Für Angela Merkel hätte es den Reiz, möglichst allen Nachfolgekandidatinnen Entfaltungsraum zu gewähren. Und auch so manches Gesicht aus der zweiten Reihe würde auf einmal ministrabel. Eine Neuordnung der Ministerien ist unwahrscheinlich, da niemand weiß, wie lange eine solche Regierung überhaupt im Amt wäre.

Bundeskanzlerin: Angela Merkel (CDU)

Auswärtiges Amt: Ursula von der Leyen (CDU)

  • Verteidigungsministerin

Inneres: Angelika Niebler (CDU)

  • stellvertretende CSU-Vorsitzende
  • Mitglied des Europäischen Parlaments

Justiz und Verbraucherschutz: Elisabeth Winkelmeier-Becker (CDU)

  • ehemalige stellvertretende CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende für Recht und Verbraucherschutz

Finanzen: Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU)

  • Ministerpräsidentin des Saarlands
  • Stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende

Wirtschaft & Energie: Ilse Aigner (CSU)

  • Wirtschaftsministerin in Bayern
  • ehemalige Bundesministerin für Landwirtschaft

Arbeit & Soziales: Barbara Stamm (CSU)

  • Präsidentin des Bayerischen Landtags
  • ehemalige bayerische Arbeitsministerin

Ernährung & Landwirtschaft: Marlene Mortler (CSU)

  • ehemaliges Mitglied des Landwirtschaftsausschusses
  • agrarpolitische Sprecherin der CSU-Landesgruppe
  • Drogenbeauftragte der Bundesregierung

Verteidigung: Michaela Noll (CDU)

  • ehemaliges Mitglied des Verteidigungsausschusses
  • ehemalige Vizepräsidentin des Bundestags

Familie, Senioren, Frauen & Jugend: Nadine Schön

  • stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für Familienpolitik

Gesundheit: Annette Widmann-Mauz (CDU)

  • parlamentarische Staatssekretärin im Gesundheitsministerium

Verkehr & digitale Infrastruktur CSU Dorothee Bär

  • parlamentarische Staatssekretärin im Verkehrsministerium

Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit: Maria Flachsbarth (CDU)

  • parlamentarische Staatssekretärin im Landwirtschaftsministerium
  • ehemaliges Mitglied im Umweltausschuss
  • ehemalige Vorsitzende des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses zum Atommülllager Gorleben

Bildung & Forschung: Johanna Wanka (CDU)

  • amtierende Bildungsministerin

Wirtschaftliche Zusammenarbeit & Entwicklung: Sabine Weiss (CDU)

  • stellvertretende CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

Staatsministerin Kultur & Medien: Monika Grütters (CDU)

  • amtierende Bundesbeauftragte Kultur und Medien

Bundeskanzleramt: Julia Klöckner (CDU)

  • stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende
  • Oppositionsführerin in Rheinland-Pfalz
  • ehemalige parlamentarische Staatssekretärin im Landwirtschaftsministerium
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Das Dutzend ist voll

68 Jahre und 11 Männer.

Das Amt des Bundespräsidenten in zwei Zahlen. Nun werden es 73 (bei Wiederwahl 78) Jahre und es kommt ein weiterer Mann hinzu. Das Dutzend ist voll. Eins vorweg: ja, Frank-Walter Steinmeier ist qualifiziert, erfahren, hat tolle Umfragewerte und kann auch ganz anständig Reden halten. Er ist eine sichere Bank.

„Keine Experimente“ – so lautete ein Wahlkampfslogan der Adenauer-CDU in den ’50er Jahren. Auch die Kür des Frank-Walter Steinmeier kann man unter dieses Motto stellen. Keine Experimente. Das heißt: keine Frau, keine Minderheit, keine außergewöhnliche Biografie, keine tatsächliche Wahl (die sogenannte Kampfkandidatur) mit ungewissem Ausgang. Dies schien dies Jahr das Motto der Regierungsparteien, aber auch der Grünen. Keiner von ihnen wollte irgendwelche Signale für die Bundestagswahl aussenden.

Die Konsequenz war eine äußerst uninspirierte Kandidatensuche wie auch ein unbegreiflicher Mangel an kreativem Denken. Nehmen wir doch einfach einen altgedienten Herren, gegen den eigentlich niemand was sagen kann. Dachte man sich bei der SPD (Steinmeier), aber auch bei der Union, wo vor allem die Namen Norbert Lambert und Wolfgang Schäuble kursierten.

Das Projekt „Unsere erste Bundespräsidentin“ wird somit in den kommenden Jahren seine Fortsetzung finden. In unregelmäßiger Reihenfolge werde ich weitere interessante, qualifizierte Kandidatinnen vorstellen. Vielleicht ist die 13 ja die magische Zahl. In fünf (oder zehn) Jahren werden wir es herausfinden.

Carolin Emcke

carolinemcke_andreaslabes2016© Andreas Labes

Warum sollte Carolin Emcke als erste Frau ins Schloss Bellevue?

Ich lasse jetzt mal alle bisher geübte Neutralität sausen. Fein austariert habe ich bisher einen bunten Strauß an Kandidatinnen für das Schloss Bellevue vorgestellt. Da war für jede politische Gesinnung in diesem Land, von AfDlern, Nazis und Verschwörungstheoretikern mal abgesehen, etwas dabei. Manche Kandidatinnen mochte ich mehr, andere weniger. Wichtig war und ist es mir, sie alle vorzustellen, klarzumachen: natürlich gibt es ausreichend Kandidatinnen für das Schloss Bellevue. Selbstverständlich! Heute mache ich eine Ausnahme. Denn ich habe soeben, mit einer Männergrippe auf der Couch sitzend, meine Ideal- und Traumbundespräsidentin eine Rede halten hören. Eine Rede, die so prägnant, so überfällig war, dass sie selbst meine von Erkältungsviren verstopften Gehörgänge wieder öffnen konnte.

Carolin Emcke sprach offen und mitreißend, von Herzen und mit Verstand, einfühlsam und kämpferisch. Sie machte klar, was Freiheit bedeutet – „Freiheit ist nichts, dass man besitzt, sondern etwas, das man tut“ –, was die Ausgegrenzten in dieser Gesellschaft verbindet – „die Zugehörigkeit zur Nicht-Zugehörigkeit“ –, wie abstrus der Umgang mit Minderheiten ist – „wir dürfen Reden halten in der Paulskirche, aber heiraten und Kinder adoptieren dürfen wir nicht?“ –, wozu der Fanatismus führt – „ausgrenzender Fanatismus beschädigt nicht nur die, die er sich zum Opfer sucht, sondern alle.“

Carolin Emcke ist die Art Bundespräsidentin, die unsere Zeit braucht. Eine, die sich klar, eindeutig und unerschrocken dem wieder aufkeimenden Fanatismus und Hass in dieser Gesellschaft entgegenstellt. Eine, die als Mitglied einer – immer noch diskriminierten – Minderheit in diesem Land ein Zeichen wäre, dass jede und jeder, wirklich alle ein Teil dieses Landes, dieser Gesellschaft sind, egal ob sie Männer oder Frauen lieben, ob oder an wen sie glauben, ob sie rote Haare oder eine braune Haut haben, ob sie Lisa oder Ahmed heißen. Eine, deren Wahl eine klare Botschaft wäre: ja, dieses demokratische Deutschland ist wehrhaft.

Normalerweise führe ich im Folgenden noch die biographischen Stationen der Kandidatinnen auf, statt dessen verweise ich einfach auf folgende Links und plädiere ansonsten einfach mal ihren Namen zu googeln, ihre Reden und Texte zu lesen:

Carolin Emckes Dankesrede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises 2016

Persönliche Website von Carolin Emcke

Wikipedia-Eintrag über Carolin Emcke

Deine Meinung zu Carolin Emcke:

Hannelore Kraft

Hannelore Kraft© Land NRW / M. Hermenau

Warum sollte Hannelore Kraft als erste Frau ins Schloss Bellevue?

Darf ein Politiker sagen, dass ihm das jetzige Amt völlig ausfüllt? Dass er keinerlei Ambitionen hat auf ein höheres Amt und dies scheinbar auch noch ernst gemeint ist? Darf er sich Rufen verweigern, die ihn auffordern, sich der Verantwortung für die Partei, für das Land nicht zu entziehen? Gibt es so einen Politiker überhaupt? Und was passiert eigentlich, wenn eine Frau das macht? Wenn sie als Ministerpräsidentin nicht die Ersatzkanzlerin gibt? Dann wird ihr, gerne von Männern, vorgeworfen, sie mache sich klein. Sie verweigere Politik. Sie tut nicht das, was die Männer vor ihr taten: sich aufblasen, so zu tun, als sei man automatisch Reservekanzler, nur weil man das größte Bundesland regiert. Kein Mann sein. Hannelore Kraft hat mehrfach gezeigt, dass sie das Zeug für großes hat, dass sie beispielsweise Bundespräsidentin kann. Am augenfälligsten war dies auf der Trauerfeier nach der Love-Parade-Katastrophe 2010. Sie sprach, wie es keiner unserer bisherigen Bundespräsidenten besser, einfühlsamer hätte machen können. Dass sie sich dennoch entzieht, macht sie als Politikerin und auch als potenzielle Bundespräsidentin sympathischer. Genau diese Eigenschaft kann eine Bürgerpräsidentin ausmachen. Und im Bellevue brauchen wir eher eine Person, die sich selbst nicht so wichtig nimmt als einen Ersatzmonarchen.

Hannelore Kraft kam 1961 als Tochter einer Schaffnerin und eines Straßenbahnfahrers in Mühlheim an der Ruhr zur Welt. Nach dem Abitur machte sie zunächst eine Lehre zur Bankkauffrau und studierte von 1982 bis 1989 in Duisburg und am King’s College London Wirtschaftswissenschaften. Daran anschließend war sie als Unternehmensberaterin und Projektleiterin beim Zentrum für Innovation und Technik in Mühlheim tätig. Erst 2000 wurde Hannelore Kraft das erste Mal in ein politisches Amt gewählt. Sie ist seither Mitglied des Landtags von Nordrhein-Westfalen. 2001 wurde sie als Ministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten erstmals ins Kabinett berufen. Von 2002 bis 2005 amtierte sie als Wissenschaftsministerin. Nach der Wahlniederlage der SPD wurde Hannelore Kraft 2005 Oppositionsführerin. Seit 2010 ist sie Ministerpräsidentin Nordrhein-Westfalens.

Eine Bundespräsidentin Hannelore Kraft könnte sich insbesondere im Bereich der sozialen Gerechtigkeit engagieren.

Weitere Informationen über Hannelore Kraft:

Persönliche Website von Hannelore Kraft

Wikipedia-Eintrag über Hannelore Kraft

Artikel über Hannelore Kraft in der Zeit (Thema: Politikverweigerung, 19.05.2016)

Artikel über Hannelore Kraft in der Westdeutschen Zeitung (Thema: Kanzlerkandidatur, 29.11.2013)

Gespräch mit Hannelore Kraft:

Deine Meinung zu Hannelore Kraft:

Bärbel Dalichow

Bärbel Dalichow© Manfred Thomas (Bärbel Dalichow mit ihrer Mutter Brunhilde Hanke)

Warum sollte Bärbel Dalichow als erste Frau ins Schloss Bellevue?

Eine Bundespräsidentin, die aneckt, eine die nicht alles schönfärbt, die in deutlichen Worten – häufig auch undiplomatisch – sagt, wie die Dinge stehen. Eine solche Bundespräsidentin könnte dieses Land durchaus mal vertragen. Bärbel Dalichow wäre genau so eine Bundespräsidentin. Sie ist nie den bequemen Weg gegangen, obwohl dies für die Tochter der langjährigen Potsdamer Oberbürgermeisterin Brunhilde Hanke in der DDR der wesentlich leichtere gewesen wäre. Stattdessen entschied sie sich 1980 aus der DDR zu flüchten, doch wurden ihre Pläne von ihrem geschiedenen Mann verraten und Bärbel Dalichow von der Staatssicherheit verhaftet. Auch im letzten Jahrzehnt vor dem Mauerfall passte sie sich nicht an.

Geboren 1953 in Potsdam, volontierte sie zunächst bei der Berliner Zeitung, bevor sie von 1972 bis 1976 Kultur- und Kunstwissenschaften an der Humboldt-Universität studierte. Von 1977 bis 1985 war sie Abteilungsleiterin für Filmkunst im Filmmuseum Potsdam. Aufgrund immer stärker zu Tage tretender Differenzen, auch in der Nachfolge ihres Fluchtversuchs von 1980, beendete sie ihre Arbeit beim Filmmuseum und war ab 1985 als Verkäuferin für Uhren und Schmuck tätig. In der Wendezeit 1989/90 war sie im Neuen Forum aktiv. 1990 kehrte sie als Leiterin zurück ins Filmmuseum und blieb bis 2013 in dieser Position.

Eine Bundespräsidentin Bärbel Dalichow könnte sich insbesondere in kulturellen Belangen engagieren, könnte sich aber auch zu den Themen Demokratieverständnis und Zivilgesellschaft einbringen.

Weitere Informationen über Bärbel Dalichow:

Wikipedia-Eintrag über Bärbel Dalichow

Artikel über Bärbel Dalichow in den Potsdamer Neuesten Nachrichten (18.04.2013, Thema: Ihre Amtszeit als Direktorin des Potsdamer Filmmuseums)

Gespräch mit Bärbel Dalichow in Cicero (03.10.2010, Thema: Potsdam, DDR)

Gespräch mit Bärbel Dalichow:

Deine Meinung zu Bärbel Dalichow:

Petra Roth

Petra Roth© Das Portrait

Warum sollte Petra Roth als erste Frau ins Schloss Bellevue?

Wenn vor den vergangenen Bundesversammlungen der Name einer Frau immer wieder für das Schloss Bellevue gehandelt wurde, dann der von Petra Roth. Als ehemalige Oberbürgermeisterin der fünftgrößten Stadt Deutschlands hat Petra Roth Erfahrung in der Ausübung einiger der Hauptaufgaben einer Bundespräsidentin: Reden und Repräsentieren.

Geboren 1944 in Bremen, machte Petra Roth nach der Schule eine Ausbildung zur Arzthelferin in Freiburg im Breisgau. Seit 1964 in Frankfurt lebend, trat sie dort 1972 in die CDU ein. 1977 wurde sie in die Frankfurter Stadtversammlung, 1987 in den Hessischen Landtag gewählt. 1995 wurde sie als erste Frau zum Frankfurter Stadtoberhaupt gewählt. Während ihrer Amtszeit war sie dreimal Präsidentin des Deutschen Städtetages. Seit ihrem Rückzug aus der Politik 2012 engagiert sich Petra Roth unter anderem in mehreren Stiftungen.

Eine Bundespräsidentin Petra Roth könnte beispielsweise einen starken Fokus auf das Thema demographischer Wandel legen.

Weitere Informationen über Petra Roth:

Wikipedia-Eintrag über Petra Roth

Artikel über Petra Roth in der Frankfurter Neuen Presse (Thema: Portrait zum 70. Geburtstag, 03.05.2014) 

Artikel über Petra Roth in der Thüringischen Allgemeinen (Thema: Demographischer Wandel, 14.09.2012)

Gespräch mit Petra Roth in der Zeit (Thema: CDU in der Großstadt, 26.06.2014)

Rede von Petra Roth:

Deine Meinung zu Petra Roth:

Nicola Leibinger-Kammüller

Nicola Leibinger-Kammüller© Familienunternehmen.de

Warum sollte Nicola Leibinger-Kammüller als erste Frau ins Schloss Bellevue?

Eine Managerin als Bundespräsidentin? Warum eigentlich nicht? Schließlich hatten wir mit Horst Köhler schon einen Volkswirt und Bankenpräsident im Schloss Bellevue. Nicola Leibinger-Kammüller wäre eine ideale Kandidatin, hätten Union, FDP und Freie Wähler eine Mehrheit in der Bundesversammlung. Da sie diese nicht haben, wären sie auf den dritten Wahlgang angewiesen, in dem die einfache Mehrheit reicht, um eine Kandidatin ohne Hilfe aus dem Mitte-Links Lager zu wählen. Nicola Leibinger-Kammüller ist erfolgreiche Managerin eines Familienunternehmens, bezieht klare Positionen – beispielsweise zur Vermögenssteuer und der Frauenquote (sie ist gegen beides) – und sie ist bereit für Innovationen. So setzte sie in ihrem Unternehmen eine neue, für deutsche Verhältnisse geradezu revolutionäre Arbeitszeitgestaltung durch. Diese ermöglicht es den Mitarbeitern, so viel oder wenig zu arbeiten, wie es die jeweilige Lebenssituation erfordert. Ohne dass dies Konsequenzen auf die Karriere hätte. Es würde diesem Land sicherlich nicht schaden, von einer innovativen Bundespräsidentin repräsentiert zu werden.

Nicola Leibinger-Kammüller wurde 1959 in Ohio geboren, während ihr Vater dort als Entwicklungsingenieur in Cincinnati tätig war. Sie studierte in Freiburg, Vermont und Zürich – allerdings weder BWL noch VWL, sondern Germanistik, Anglistik und Japanologie und promovierte anschließend. In der Trumpf Gruppe, dem Familienunternehmen, arbeitet sie seit 1985, zunächst im Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Von 1988 bis 1990 arbeitete sie für die Trumpf Corporation in Japan. 2005 übernahm Nicola Leibinger-Kammüller den Vorsitz der Geschäftsführung der Trumpf Gruppe. Sie ist zudem Mitglied im Aufsichtsrat der Siemens AG sowie der Axel Springer AG. Zudem engagiert sie sich in zahlreichen Stiftungen.

Eine Bundespräsidentin Nicola Leibinger-Kammüller könnte sich vor allem um das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf kümmern.

Weitere Informationen über Nicola Leibinger-Kammüller:

Wikipedia-Eintrag über Nicola Leibinger-Kammüller

Artikel über Nicola Leibinger-Kammüller in der Berliner Zeitung (Thema: Porträt, Arbeitszeitgestaltung, 06.07.2012)

Gespräch mit Nicola Leibinger-Kammüller in der Süddeutschen Zeitung (Thema: Unternehmensführung, Frauenquote, 07.11.2011)

Gespräch mit Nicola Leibinger-Kammüller im Zeit-Magazin (Thema: Familienunternehmen, Erziehung, 14.06.2016)

Vortrag von Nicola Leibinger-Kammüller:

Deine Meinung zu Nicola Leibinger-Kammüller: